Als adelige Brüste Steuern senkten

Leofric, Earl of Mercia, zählte zu seinen Lebzeiten, das heißt vor knapp eintausend Jahren (als der König von England noch der König von Dänemark und Norwegen war) zu den einflussreichsten Lehnsherren Englands. Trotzdem ist es seine Frau, die es wegen ihres politischen Protestes zu Berühmtheit schaffte.

„So führt ihn an, euren Kreuzzug der Künste, nackt auf hohem Rosse, durch die Straßen von Coventry!“

Viel wissen wir nicht über sie. Lady Godiva, war wohl die zweite Frau von Leofric auch, wenn sich die Quellen in diesem Punkt nicht ganz einig sind. Auch über ihr Geburtsdatum und das ihrer Heirat herrscht Unklarheit. Die katholische Kirche kennt das Adelspaar, vor allem aber die Angelsächsin, als großzügige Wohltäter. 

Clifton, John Skinner – Lady Godiva and Earl Leofric
http://www.artuk.org/artworks/lady-godiva-and-earl-leofric-55078

In die (umstrittenen) Geschichtsbücher ging Godiva aber wegen ihres blanken Einsatzes für die unter horrenden Steuern leidende Bevölkerung ihres Mannes Leofric ein. Die Legende, die ihren Ursprung mindestens im 13ten Jahrhundert hat, wäre mit der von Robin Hood zu vergleichen, jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, dass Lady Godiva zweifelsohne tatsächlich existierte.

Die Sage um die Adelige beginnt wohl mit der Gründung der Benediktinerabtei in Coventry und dem daraus resultierenden Bevölkerungswachstums der Region. Eben jenes veranlasste Leofric die anfälligen Verwaltungsaufgaben weitgehend selbst zu übernehmen und in weiterer Folge Steuern und Abgaben maßgeblich zu erhöhen, worunter die zu den weitesten Teilen aus Bauern bestehende Gesellschaft zunehmend litt. 

Unterdessen sah sich seine deutlich jüngere Frau mehr in der Rolle der Wohltäterin. Glaubt man der Erzählung, so entwickelte Godiva eine große Wertschätzung für die Bildenden Künste und sah es als ihre persönliche Agenda an, diese der Gesamtbevölkerung nahe zu bringen, um deren Horizont zu erweitern. Dem im Weg seien aber die ungeheuren Steuern gestanden, auferlegt durch ihren Gatten, da sich die hungernde Bevölkerung angesichts ihrer Misere nur bedingt von der Wichtigkeit von Ästhetik überzeugen ließ. 

Lady Godiva soll also versucht haben ihren sich konsequent weigernden Mann von einer Senkung der Steuern zu überzeugen um ihren Feldzug für die Etablierung der Künste in der breiten Gesellschaft voran zu treiben. Leofric knüpfte sein gefordertes Einlenken schließlich an eine Bedingung und könnte etwas gesagt haben wie: 

„Weib! Wahrlich imponierend ist euer Beharrlichkeit in jener Sache, wenngleich euer Engagement zum besten absurd! Doch lasset mich meiner Ehrbekundung Bedeutung verleihen und euch die Senkung der Zehnt versprechen, solltet Ihr euer Entschlossenheit zur Prüfung bringen. Schon die großen Künstler vergangener Kulturen sahen die Perfektion der Schöpfung manifestiert in der Nacktheit. So führt ihn an, euren Kreuzzug der Künste, nackt auf hohem Rosse, durch die Straßen von Coventry.“

Godiva akzeptierte der Sage nach zum Überraschen Ihres Gatten die aberwitzige Forderung.

So soll sie, auf dem Rücken eines Pferdes, splitternackt und nur durch ihr langes Haar bedeckt durch die Straßen von Coventry geritten und mit hoch erhobenen Haupt und Stolzer Miene zum ältesten Beispiel für Nacktheit als politischen Protest geworden sein. Erfolgreich, wie man der Legende entnehmen kann, denn Leofric hielt sein Versprechen und befreite seine Untertanen von jeglichen Steuern – außer der auf Pferde.

Collier, John – Lady Godiva (1898)

Das besagt die älteste Überlieferung. Jedoch gibt es etliche Abwandlungen und Neuinterpretationen, die versuchen die Überlieferung in einen glaubwürdigeren Kontext zu setzen. In einer von eben diesen trug Lady Godiva lediglich ein Unterkleid in einer anderen legte sie all ihren Schmuck ab, das Symbol ihrer Zugehörigkeit zum Adel. Auch wurde sie mit der wiederholten Wiedergabe der Legende zunehmend jünger und schöner.

Wieder eine andere Version soll der Ursprung der englischen Redensart „Peeping Tom“, einer stehenden Wendung für einen Voyeuristen, sein. Lady Godiva habe vor ihrem Ritt veranlasst, dass alle Bewohner Coventrys am Tag ihres blanken Protests in ihren Häusern bleiben und Türen und Fensterläden verriegeln. Ein Dorfbewohner und Schneider namens Thomas soll jedoch versucht haben sich ihrem Wunsch zu widersetzen und habe deshalb zwei Löcher in seine Fensterläden gebohrt. Dieser Mythos wurde später noch durch das sofortige Erblinden des Spanners in Folge einer göttliche Strafe erweitert, auch eine Variante in der „Tom“ von der Bevölkerung Coventrys mit dem Verlust des Augenlichts bestraft wird ist überliefert.

Film – Lady Godiva of Coventry (1955)

Die Stadt Coventry bringt sich gerne mit der Geschichte um den hüllenlosen Protest der Adeligen in Verbindung. So gibt es neben Gemälden auf denen ihr Ritt dargestellt wird, von dem das erste auf 1586 datiert wird, auch etliche andere (Pop-)Kulturelle Referenzen. Freddie Mercury vergleicht seiner selbst mit der Adeligen in der euphorischen Hymne auf den Tatendrang Don’t Stop Me Now.

Ob und unter welchen Beweggründen der angebliche Ritt im 11ten Jahrhundert stattfand ist heute unmöglich zu klären. Einige Historiker halten es für unwahrscheinlich, dass Lady Godiva von ihrem Ehemann zu dem nackten Ritt aufgefordert wurde, hätte ein solcher Akt auch seinem Ansehen schaden können. Es gibt einige Theorien, welche die Legende mit der belegten Brandschatzung von Worcester in Verbindung bringen. Der junge König Harthacnut hatte eine Steuererhöhung veranlasst um seine wachsenden Militärausgaben zu decken, was in der Tötung zweier Steuereintreiber durch das Volk in Worcester resultierte. Der König war darüber so erzürnt, dass er Leofric befahl die Stadt und das Umland niederzubrennen. Obwohl Worcester Leofrics Volk war, tat er wie geheißen.

Die Vermutung legt nun nahe, dass Lady Godiva, selbst gläubige Christin, durch ihren nackten Ritt um göttliche Vergebung bat. So hätte dieser zwar mit den Steuern zu tun gehabt, wurde jedoch in seiner ersten Aufzeichnung knapp zweihundert Jahre später stark romantisiert. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch die Legende um Robin Hood.

Diese Geschichte zeigt aber weniger was vor knapp tausend Jahren passiert sein könnte. Viel mehr ist sie ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wie könnte es sonst sein, dass eine Frau, die unseren Quellen hauptsächlich als Wohltäterin und Gläubige bekannt ist, es nur durch einen angeblich nackten Ritt durch die Straßen von Coventry zu allgemeinen Ruhm geschafft hat?